2009  


21.03.2009 UA werkraum studio

DER RASSIST

Auf´s Maul g´schaut.

Ein Stimmungsbericht. Es muss etwas geschehen, aber es tut sich nichts-ein Mann sieht rot.

 

Sozialer Brennpunkt.

Der Grazer Volksgarten und seine unmittelbare Umgebung sind weniger Naherholungs-Oase, sondern ein städtischer Raum, der soziale Missstände, sichtbar werden lässt. Das Werkraumtheater nimmt in seiner Produktion „Der Rassist“ direkt auf die lokale Situation samt Drogenhandel und Obdachlosigkeit Bezug.

Franz Blauensteiner vom Werkraumtheater lebt neben dem Grazer Volksgarten.

Angesichts der offenkundigen sozialen Probleme in diesem Teil des Lendviertels ist er nicht nur als „Aktivbürger“ unterwegs, der sich um die Verbesserung der dortigen Lebenssituation für alle Beteiligten kümmert. Blauensteiner hat seine Erfahrungen gemeinsam mit Rezka Kanzian in ein Theaterstück einfließen lassen. „Der Rassist“ nennt sich das Zwei-Personen-Stück, das thematisiert, wie ungelöste Sozialkonflikte sukzessive der Ausländerfeindlichkeit in die Hände spielen.

Premiere ist am 21. März im Werkraumstudio.

SteirerKrone 16.03.2010



Wenn Opfer aufeinander treffen.

Die beiden Grazer Theatermacher Rezka Kanzian und Franz Blauensteiner wohnen im Lendviertel – um genau zu sein: Neben dem Volksgarten. Dort hat sich in letzter Zeit eine Szene aus Kleinkriminellen, Suchtkranken, Street-

Runnern aus der Haschisch-Branche und Borderlinern etabliert, die den AnrainerInnen das Leben nicht leicht macht. Mit dem Stück: „Der Rassist“ greift Blauensteiners/Kanzians Werkraumtheater diese Situation auf und schöpft dabei aus den eigenen alltäglichen Erfahrungen. „Es trägt nicht zur Wohnqualität bei, wenn etwa ein traumatisierter Asylwerber, ein schwerer Alkoholiker, den ganzen Tag auf einer Bank vor deinem Fenster sitzt und ununterbrochen schreit“, sagt Franz Blauensteiner. Die Politik habe lange gar nicht reagiert, die nun gesetzten Schritte (etwa die Entfernung der Bänke, wo Dealer auf ihre Kundschaft warten) hätten zwar Erleichterung gebracht, aber: „Wir wollen effiziente Sofort- und dauerhafte Integrationsmaßnahmen. Z. B. wären SozialarbeiterInnen oder PolizistInnen mit Migrationshintergrund in unserem Viertel höchst notwendig.“ Was passiert, wenn die Politik untätig bleibt, haben Kanzian und Blauensteiner auf die Bühne gebracht – in allerhöchster Intensität: Im Zentrum der Aufführung steht das Fenster, durch das der Protagonist, der langzeitarbeitslose Tapezierer Max Meldesheimer, die Welt erlebt. Durch die Einspielung (Technik: Nina Ortner) von vor Ort aufgenommenen Filmen und Geräuschen erlebt das Publikum ungefiltert das Bedrohungsszenario, das da durch das offene Fenster auf die ohnehin durch Arbeitslosigkeit und gescheiterte Ehe in ihrem Selbstwert schwer beschädigte Hauptfigur einstürzt. Das Unverständnis der Eliten. Dass sich Meldesheimer (Franz Blauensteiner) – dem als einzige Lebensäußerung das Monologisieren vor seinem mit Bierdosen gefüllten Kühlschrank bleibt – zum Rassisten entwickelt, erscheint so als nahezu zwangsläufiger Prozess. Gefördert wird er noch durch das Unverständnis der Eliten: Rezka Kanzian kommentiert in dem Zwei-PersonenStück mal als Magistratsbeamtin, mal als Fernsehmoderatorin den hilflosen Protest Meldesheimers mit Versatzstücken aus Soziologen-Aussagen („Parks sind zivile Lernorte“) und wohlmeinenden Be-schwichtigungen. „Wir wissen, dass wir da ein heißes Thema aufgreifen, mit dem wir leicht missverstanden werden könnten“, resümiert Blauensteiner. „Aber es nützt nichts, die Augen zu verschließen: Wenn die Politik hier nicht Maßnahmen setzt, um die Situation zu entschärfen, und gleichzeitig die Wirtschaftskrise zu Kürzungen bei den Sozialleistungen führt, werden sich alle Projektionen gegen die Ausländer richten.“ Den Profiteuren des Systems soll es ja ganz gut in den Kram passen, wenn sich seine Opfer gegenseitig bekämpfen.

(Korso, April 2009)


Vorwort im Programmheft von Sozialstadträtin Elke Edlinger

Max Meldesheimer ist Ende Fünfzig, geschieden, berufsinvalid, lang-zeitarbeitslos und alleinstehend. Durch das Fenster in seiner Wohnung beobachtet er die Geschehnisse im gegenüberliegenden Park. Die Eindrücke, die er dadurch gewinnt, die Bilder, die sich ihm darbieten, der Lärm und die Stimmen, die von draußen in seine Wohnung dringen, empfindet er als bedrohlich. Letztlich stellt das Fenster die Grenze zu einer Welt „da draußen“ dar, die Meldesheimer von einem sicheren Abstand her betrachtet und die mehr und mehr zum Angelpunkt seiner Wahrnehmung und seines Denkens wird. Als Max Meldesheimer gefragt wird, ob er ein Rassist sei, antwortet er „Ja, ich bin ein Rassist und das ist gut so.“ Doch ist Max Meldesheimer wirklich ein Rassist? Ist er wirklich von Hass auf alles „Fremde“ zerfressen? Oder ist er vielmehr ein Mensch, der selbst aufgrund verschiedener Umstände an seine Grenzen stößt? Ein Mensch, der sich von der Politik, der Gesellschaft oder schlichtweg vom „System“ alleingelassen fühlt? Ein Mensch, der mit seinen Ängsten und Problemen vor einer Wand steht, in der ein Fenster ihm eine Welt zeigt, in der es einfach ist, die Schuldigen für die eigenen Problemen zu finden, darauf Ängste zu projizieren und damit zu kompensieren? Das Stück „Der Rassist“ zeigt sehr gut, wie Alltagsrassismen entstehen.

Es zeigt auch auf, dass die Menschen genug haben von leeren Versprechungen, von Floskeln, von schönen Worten und Willensbekundungen. Es zeigt auch auf, wie schnell und einfach „Sündenböcke“ gefunden werden, wenn man ohnmächtig der Lösung von Problemen in der eigenen Sphäre gegenübersteht: man braucht nur aus dem Fenster zu sehen. Und das Stück zeigt auch, dass es darum geht, Dinge, die jahrzehntelang von der Politik verabsäumt wurden, anzupacken. Es geht darum, Lösungen zu finden und sich nicht dem Scheitern an bürokratischen Hürden zu fügen. Als seit nunmehr einem Jahr im Amt befindliche Sozialstadträtin weiß ich aber leider, dass dies sehr schwierig ist und dass auch die Politik – wie Max Meldesheimer - immer wieder an ihre Grenzen stößt. „Der Rassist“ ist ein Stück, das viele gesellschaftspolitische Brennpunkte aufzeigt und einen zutiefst politischen Inhalt vermittelt: nämlich die Formen und die Möglichkeit des Zusammenlebens im „Lebensraum Stadt“. Denn sobald Menschen-(gruppen) mit ihren verschiedenen Anschauungen, Lebensweisen und Interessensfeldern aufeinandertreffen, entstehen soziale Konflikte, prallen unterschiedliche Wünsche und Bedürfnisse aufeinander.

Mein ganz herzlicher Dank gilt deshalb dem Team des Werkraumtheaters Rezka Kanzian und Franz Blauensteiner, die mit dem vorliegenden Stück gesamt-gesellschaftliche Probleme aus dem Blick des Individuums aufwerfen und zeigen, dass die Antwort auf die Frage „Sind Sie ein Rassist?“ oft nicht so einfach zu geben ist.


Der Rassist

Max Meldesheimer lebt in einer Wohnung an einem Grazer Park. Täglich sieht er durch sein Fenster Szenen aus dem Park: Burschen mit Migrationshintergrund dealen mit „Stoff“. Der einfach gestrickte, ordnungsliebende Tapezierer, der Jazzmusik liebt, und nach jahrzehntelanger Arbeit wegen eines Knieleidens entlassen wurde und geschieden ist, versteht die Welt nicht mehr.

„Es muaß wos gschehn!“

Großspurige sozialpädagogisch-philosophische Reden schwingt die EU-freundliche Politikerin.

Experten will sie an den Tisch holen, Integration und kulturelle Vielfalt sieht sie als Chance für die Stadt. Ihrer Meinung nach sollte man „denen das Gefühl geben, Teil der Gesellschaft“ zu werden.

Kurz: Maßnahmen müssen ergriffen werden.

In Dialogform verläuft das Gespräch, inhaltlich zwar aufeinander abgestimmt, dennoch nimmt der eine den andern nicht wahr. Man tritt auf der Stelle, man bewegt sich im Kreis, man redet ins Leere. Bedrückend, geradezu kafkaesk, die Situation. Die unterschiedlichen Standpunkte, die unterschiedlichen Welten, in denen die beiden leben, werden durch zwei verschiedenfarbige Teppiche auf der Bühne betont.

Zeitschrift die Schule, April 2009


EMIGRATION. JOURNEY OF NO RETURN

Leseperformance

Dr. Gerhard M. Dienes und werkraum Team


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