2007  


17.03.2007 Premiere Kristallwerk

FAUST 2 VERSION 1.0  J.W. Goethe


Faust 1 gelesen, nur Teil zwei noch nicht geschafft?

Das Werkraumtheater hat sich dem komplexen Stoff angenommen und teuflisch gut umgesetzt.

Heute, 27.03.2007

  

Faust II – vom Kopf auf die Füße gestellt.

Zen oder die Kunst Goethen gerecht zu werden: Ein Schauspieler-Paar lebt seit einem Jahrzehnt das Experiment vom eigenen Theater – und wagt sich jetzt mit Respekt und Frische an einen Stoff der Weltliteratur, um den große Häuser ängstlich einen Bogen schlagen. […]

Nach den zwei Jahren Beschäftigung mit dem Stoff habe er, sagt Blauensteiner, keinen Hinweis für die Richtigkeit einer freimaurerisch-esoterischen, christlich-mystischen oder anderweitig transzendenten Interpretation des Faust gefunden – wie sie noch immer kursieren.

„Wie später Sartre sagt Goethe eigentlich nichts anderes, als das man kein erlösendes Wissen vermitteln kann: Weder durch Philosophie noch – wie der Helenastrang zeigt – durch Liebe oder Kunst.“

Und daß der aufgeklärte Goethe die Erlösung durch in den Himmel auffahrende Putten, die sich hinter dem Rücken des Unaussprechlichen handstreichartig der verkauften Seele bemächtigen, ernst gemeint haben könnte, ist schon allein deswegen unwahrscheinlich, weil die einschlägige Szene mehrfach ironisch gebrochen ist.

„Nein, was bleibt, ist:´Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.´

Das ist eine Aussage aus dem tiefsten Geist der Humanität–die auch von einem alten Zen-Meister stammen könnte“, lächelt Blauensteiner.

Und so dürfen wir uns auf eine Inszenierung freuen, die Faust II vom Kopf auf die Füße stellt.

Korso, Februar 2007


Tragödie, Teil 2, Wohnzimmerversion.

Bücherregal, Sofa, TV, fünf Schauspieler: Reduziert nähert sich das Werkraumtheater unter Teamregie „Göthes“ Gelehrtentragödie. In der rund dreistündigen „Faust 2“ Version kristallisieren wunderbare Tragik, Gedankenfülle, Versklang. Neben Franz Blauensteiner als Faust leistet „Mephista“ Rezka Kanzian Großartiges. Beachtlich Christine Scherzer als u.a. Homunculus, „Kaiser“ Michael Spiess sowie „Kanzler“ Thomas Bergner. Filmsequenzen, Musik und Soundeffekte intensivieren die von Schuld durchzogene Lebensreise.

Kleine Zeitung, 19.03.2007


Entstanden ist die Idee vor zwei Jahren",

erzählt Franz Blauensteiner. Der Reiz, sich an diesen Text zu wagen, ist als geradezu trotziger Reflex zu verstehen, „vor dem Hintergrund mangelnder Ressourcen und der Tendenz vieler freier Gruppen, sich auf Ein- oder Zweipersonenstücke zurückzuziehen". Franz Blauensteiner und Rezka Kanzian sind das Grazer Werkraumtheater, wechselnde Mitarbeiter, die sich für eine Runde im Selbstausbeutungskarussell anschließen, nicht mitgezählt. […] Wenn Ernst M. Binder im Falter-Gespräch den permanenten Produktionsdruck kritisiert, der der freien Szene den Atem für große Projekte raubt, spricht er Kanzian/ Blauensteiner aus der Seele. Denn die haben sie ganz in ihre großen Arbeiten gelegt, selbst wenn jedes Werkraum-Wahnsinnsprojekt Gefahr läuft, das Letzte zu sein […] „ Das Konzept war, Szene für Szene zu analysieren, sie auf diese Fabel zu reduzieren und dann zu überlegen: Was brauche ich von der Goetheschen Sprache, um das Stück auf die Bühne zu bringen. Goethe hat ein Psychodrama geschrieben, ein Stationendrama über einen Wahrheitssucher. Wenn man durch die Sprachgewalt durch ist, sind das ganz verständliche Lebensstationen." Dass der Werkraum seine Wurzeln in der Commedia dell' Arte hat, verleugnet er auch hier nicht, die Masken und Rollenwechsel des Faust legen das sogar nahe. Blauensteiner spielt den Faust selbst. Die Rolle allerdings verblasst neben der seines komödiantisch weit raffinierteren Begleiters: Rezka Kanzian gibt den Teufel als Mephista zwischen Vamp und Business-Lady, auch wenn das Kapital für echten Prada-Aufputz fehlte. „Der Teufel kann nur eine Frau sein", ruft Franz Blauensteiner, „aber es ist ja ein sympathischer Teufel." Rezka Kanzian lacht.

Steiermark Falter, 12/07


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